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Die Klimakrise ist eine unvorstellbare gesellschaftliche Kommunikationskrise

29 August, 2021
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Daran beteiligt sind vor allem Politik, Wissenschaft und Medien. Und Lobbykräfte.

Noch mal ein ausführlicherer und differenzierterer (und daher auch seeeeehr langer) Thread:

„Mitschuld“ war meinerseits eine zu starke Formulierung und nicht angemessen angesichts dessen, dass Wissenschaftler:innen natürlich vor allem aufklären & Fakten bereitstellen. Und das seit Jahrzehnten.

Besser wäre gewesen: „tragen (unbewusst & ungewollt) mit dazu bei“.

Wissenschaftskommunikation wird seit Jahren reflektiert & verbessert (spreche ich oben auch an). Es gibt da viel Großartiges & viele öffentlich weniger bekannte Wissenschaftler:innen, die sich gesellschaftlich engagieren und Probleme & Lösungen sehr klar artikulieren.

Von denen durfte ich im vergangenen Jahr viele kennenlernen & bin extrem dankbar für ihre Arbeit.

Aus wissenschaftl. Ergebnissen entsprechende Schlussfolgerungen zu ziehen & gesellschaftl. zu debattieren ist vor allem eine Aufgabe von Medien & Politik.

Nur hat das in der Klimakrise in den vergangenen 50 Jahren nicht ausreichend zu Handeln geführt. Und tut es bis heute nicht.

Einen großen Teil der Verantwortung dafür tragen IMHO Journalist:innen, die als Scharnier zwischen wissenschaftl. & gesellschaftspolit. Debatte funktionieren. Ihnen fehlt es oft aber an tiefergehendem Wissen zur Klimakrise & an Verständnis, wie Naturwissenschaften funktionieren.

Für Journalist:innen hat jedes Thema mehrere Seiten, das ist grundsätzlich nicht falsch.

Problematisch wird das, wenn Journalist:innen nicht einschätzen können, welche Positionen sich innerhalb des wissenschaftl. Konsens bewegen, welche den zu recht kritisieren …

… und welche überholt sind und vor allem von Lobbygruppen gestützt und verbreitet werden.

Indem wir unterschiedliche Standpunkte darstellen, hoffe wir, Balance zu schaffen – und sichern uns nach journalistischer Logik so oft auch gegen unser eigenes Unwissen ab. Denn schließlich kommen ja alle Positionen zu Wort (und wir sind damit nach eigenem Empfinden fein raus).

Talkrunden, in denen alle ähnl. Meinung sind, gelten als langweilig, tw. wird krampfhaft nach Vertreter:innen von Gegenpositionen gesucht. Dieser journalist. Blick auf Debatten führt dazu, dass False Balance nicht nur möglich, sondern aktiv, wenn auch unbewusst, gefördert wird.

Das wir damit immer wieder längst überholte Argumente groß machen & so aktiv dazu beitragen, die gesellschaftliche Debatte & damit auch politisches Handeln zu verlangsamen, ist wohl nur den wenigsten bewusst:

Welche Mechanismen des öffentl. Diskurses dazu beitragen, dass u.a. Wissenschaftler:innen, aber auch Politiker:innen & Journalist:innen zurückhaltend kommunizieren, habe ich u.a. hier erläutert. Auch, warum ich das für extrem problematisch halte:

Außerdem ist mir klar, dass Wissenschaftler:innen, die sich dem öffentlichen Diskurs stellen, teils massive Angriffe erfahren. Beruflich, aber auch bis in ihr Privatleben. Mir ist klar, dass das nicht jede:r kann oder will.

Umso entscheidender sind Initiativen wie @sciforfuture, in denen sich viele unterschiedliche Wissenschaftler:innen versammeln & gemeinsam klar Position beziehen können.

Spricht: Ich sehe & verstehe diverse Gründe, die einige abhalten, deutlicher zu kommunizieren. Was genau wünsche ich mir dennoch von mehr Wissenschaftler:innen? Nicht, dass ihr euch festkettet & protestiert, sondern dass ihr so deutlich sprecht, wie es nötig ist:

1. Wissenschaftssprache wird von vielen nicht verstanden. Natürlich ist es wichtig, Fakten differenziert & korrekt darzustellen. Es hilft aber massiv, wenn man die kurz noch mal in Worte zusammenfassen kann, die etwa auch Freund:innen & Verwandte verstehen.

(Vom Text von @LeaDohm & mir auf @uebermedien wurde lustigerweise die Kurzzusammenfassung in einfacher Sprache mit am häufigsten geteilt …:) )

2. Benennt Zeitrahmen klar & was diese bedeuten. In der öffentl. Debatte ist noch immer nicht ausreichend angekommen, dass Wissenschaftler:innen oft mit globalen Budgets & Zeitrahmen rechnen, Industrienationen wie Deutschland d. Transformation aber viel schneller schaffen müssen.

Auch ist die Bedeutung der Zeit bis 2030 nicht annähernd verstanden. Dass wir bis dahin Lösungen nicht diskutiert & angeschoben, sondern weitgehend umgesetzt haben müssen.

3. Scheut euch nicht vor konkreten Forderungen & Handlungsempfehlungen. Nennt auch & vor allem die, die aus wissenschaftlicher Sicht nötig sind, nicht die, die aktuell gesellschaftlich möglich erscheinen. Ordnet das ggf. klar ein.

4. Natürlich müssen Wissenschaftler:innen seriös erscheinen. Angesichts der Lage halte ich es jedoch für geboten, auch mal emotionaler aufzutreten oder die Bedeutung an persönl. Anekdoten zu illustrieren. Informationsvermittlung allein reicht nicht, um die Bedeutung zu begreifen.

5. Wenn ihr politische Vorstöße für grundsätzlich gut, angesichts der Lage aber völlig unzureichend haltet, dann ordnet das möglichst klar ein. Für diplomatische Formulierungen wie „Guter erster Schritt, jetzt muss nachgebessert werden!“ bleibt zu wenig Zeit.

6. Schließt euch zusammen, stärkt euch gegenseitig den Rücken, etwa bei @sciforfuture & bezieht klar die Positionen, von denen ihr als Wissenschaftler:innen wisst, das sie nötig & richtig sind.

Oder wie @ClimateHuman es ausdrückt:

Es klafft eine große Lücke zwischen dem, was Klimawissenschaftler bereit sind, privat zu sagen, und dem, was wir bereit sind, öffentlich zu sagen, wenn es darum geht, wie schlimm die Situation ist, in der wir uns befinden. Kolleginnen und Kollegen, Integrität verlangt, dass wir diese Lücke schließen.

Und hier noch ein Tipp für Interviews:

Wartet nicht darauf, dass euch „die richtigen Fragen“ gestellt werden. Wenn es Interviewer:innen an Hintergrundwissen fehlt, werden die nicht kommen. Sag einfach so schnell wie möglich alles, was ihr sagen wollt & für relevant haltet.

Das alles kann nur bedingt die Verzerrungen des politischen & medialen Diskurses ausgleichen. Viele machen das auch schon, daran konnte ich das überhaupt erst analysieren. Aber es ist ein Hebel, den ich sehe, um diskursiv schnellstmöglich weiterzukommen. Und wir brauchen alle.

Der Kampf gegen die Klimakatastrophe ist noch nicht verloren. Um zu retten, was zu retten ist, ist es unbedingt nötig, zusammenzuarbeiten & voneinander lernen.

Danke für die Aufmerksamkeit. Und danke für die Arbeit.

Quellen/Original/Links:
https://twitter.com/SaraSchurmann/status/1431231736453681156

Übersetzung:
https://www.deepl.com/de

Journalistin - versucht die Klimakrise und Lösungen zu erklären
Sara Schurmann

Sara Schurmann

Sara Schurmann absolvierte die Henri-Nannen-Schule und arbeitet seit zehn Jahren als Journalistin, unter anderem für den „Tagesspiegel“, „Gruner+Jahr“, „Vice“ und „Zeit Online“. Zuletzt war sie Redaktionsleiterin des Klima- und Nachhaltigkeitsformates OZON von funk. 2018 wählte sie das „Medium Magazin“ unter die Top 30 bis 30. Sie beschäftigt sich schon länger intensiv mit der Klimakrise. Mit… Weiterlesen »Sara Schurmann