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Ist Klimajournalismus Aktivismus?

4 November, 2021
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Soooo, let’s adress the elephant in the room:

Ist Klimajournalismus Aktivismus?

Kurze Antwort: Hell, no.

Lange Antwort:


Gegenfrage: Ist Corona-Berichterstattung Aktivismus?

Waren die Journalist:innen von @zeitonline aktivistisch, als sie zu Beginn der Pandemie eine Erklärung der damals für uns neuen AHA-Regeln auf ihrer Homepage fest eingebettet hatten?


Offensichtlich mit der Absicht, ihre Leser:innen aufzuklären und so im Idealfall auch Verhalten zu beeinflussen und zur Eindämmung des Virus beizutragen?


Sind Journalist:innen, die zu #CumEx und allen möglichen Papers recherchieren, Anti-Steuerhinterziehungs-Aktivist:innen?

Waren die Journalist:innen, die damals Wulff zu Fall gebracht oder allen möglichen Minister:innen Plagiate nachgewiesen haben Anti-Regierungs-Aktivist:innen?


Wohl keine:r von ihnen hat recherchiert, damit danach alles so bleibt, wie zuvor.

Journalist:innen verfolgen (grundsätzlich) das Ziel, die Öffentlichkeit aufzuklären und damit gesellschaftliche Diskurse und informierte Entscheidungen zu ermöglichen.


Warum sollte das bei der Frage, ob wir die Welt für uns lebenswert und bewohnbar erhalten anders sein?


Die These lässt sich auch nur so lange aufrechterhalten, wie Menschen nicht bewusst ist, wie akut diese Krise ist und um was es hier gerade geht. Und das innerhalb eines sehr kleinen Zeitfensters.


Die Trennung von Aktivismus und Journalismus ist dennoch wichtig. Journalist:innen sollten m.E. zu Bewegungen und Gruppen eine gewisse Distanz bewahren und sich so offenhalten, auch kritisch über sie zu berichten. Es geht nicht darum, Werbung für ihre Positionen zu machen.


Aber das ist auch gar nicht nötig. Es geht darum, Fakten korrekt und verständlich zu erklären, Zusammenhänge aufzuzeigen, Interessen zu hinterfragen, Argumente kritisch einzuordnen und an wissenschaftlichen Erkenntnissen abzugleichen.


Und wenn dabei herauskommt, dass Aktivist:innen einen Punkt haben, hier auf wissenschaftlich nachweisbare Probleme Aufmerksam machen und legitime Interessen vertreten, dann sollte – ja, dann muss – man das als Journalist:in auch so einordnen.


Bei (naturwissenschaftlichen) Problemen einfach alle möglichen Positionen gleichberechtigt zu Wort kommen zu lassen, produziert nicht Ausgewogenheit, sondern False Balance. Sichtweisen nur abzubilden, ohne sie einzuordnen, ist nicht objektiv, sondern uninformiert. Oder faul.


Wir unterliegen einer Illusion von journalistischer Neutralität. Allgemein, aber speziell beim Klima: Wir können uns nicht unparteiisch zwischen 2 Positionen stellen.

Was ist die 2. Seite zu effektivem Klimaschutz? Kein Klimaschutz. Also die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen.


@wblau hat das mal so ausgedrückt:

Wenn wir über die Klimakrise weiterhin so wenig berichten machen wir uns übrigens auch mit ‘einer Sache gemein’. Einer sehr gemeinen.


Wenn Journalist:innen für Demokratie und Menschenrechte Haltung ergreifen, wird das nicht als Aktivismus wahrgenommen, sondern als Teil unserer journalistischen Aufgabe als 4. Gewalt. (Zumindest wenn es um die Rechte weißer Menschen geht.)


Wie genau wir Demokratie und Menschenrechte in den kommenden Jahren und Jahrzehnten aufrechterhalten sollen, wenn wir unsere Lebensgrundlagen zerstören und Staaten und Gesellschaften destabilisieren, konnte mir bisher noch niemand erklären.


Falls euch das noch nicht überzeugen sollte, gern her mit euren Fragen und Anmerkungen. Ich weiß, dass das Thema viele Kolleg:innen – oder besser: deren Kolleg:innen in den Redaktionen sehr beschäftigt.


Nachtrag zu mir, denn ich kenne den Busch-Funk:

Ich bin in diesem Sinne vielleicht Aktivistin für eine bessere Klimaberichterstattung. Aber vielleicht bin ich auch einfach eine Kollegin, die ein Problem sieht und es deutlich benennt.


Und ja, ich vertrete die Haltung, dass wirksamer Klimaschutz unbedingt notwendig ist. Einerseits, weil ich den breiten wissenschaftlichen Konsens anerkenne und das auch ethisch die einzig humane Haltung finde.


Andererseits, ja, ich gebe es zu, aus Eigeninteresse. Wir Journalist:innen sind auch Menschen.

Und, naja, ich hatte noch ein paar Pläne für meine Zukunft. Und ich bin nicht bereit, die einfach aufzugeben.

Quellen/Original/Links:
https://twitter.com/SaraSchurmann/status/1456036217280245765

Übersetzung:
https://www.deepl.com/en/translator

Journalistin - versucht die Klimakrise und Lösungen zu erklären
Sara Schurmann

Sara Schurmann

Sara Schurmann absolvierte die Henri-Nannen-Schule und arbeitet seit zehn Jahren als Journalistin, unter anderem für den „Tagesspiegel“, „Gruner+Jahr“, „Vice“ und „Zeit Online“. Zuletzt war sie Redaktionsleiterin des Klima- und Nachhaltigkeitsformates OZON von funk. 2018 wählte sie das „Medium Magazin“ unter die Top 30 bis 30. Sie beschäftigt sich schon länger intensiv mit der Klimakrise. Mit… Weiterlesen »Sara Schurmann