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zeitonline bietet Vergleich der Parteien zur Klimapolitik an – aber…

30 August, 2021
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Schade, dass es dabei nicht viel mehr macht, als sie einmal laut vorzulesen #btw2021 #klimawahl

So als wäre es unmöglich, zu beurteilen, welche Vorschläge Substanz haben und welche nicht. Wenn man sich diese Beurteilung persönlich nicht zutrauen sollte, könnte man das einfach mal recherchieren. Und dann findet man z.B. das:

Oder das:

Oder auch eine Einschätzung dieser Berechnungen von dem Wissenschaftler, der das CO2-Budget für den SRU berechnet hat, auf das sich das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil zur Klimaklage bezieht.

(Wenn man das nicht findet, kann man Wissenschaftler:innen und Expert:innen auch anrufen und fragen. Die sind meist echt nett.)

Man könnte die Wahlprogramme mit dem Maßnahmenkatalog von @_GermanZero vergleichen: https://germanzero.de/Erreichen/1-5-grad-massnahmen

Oder mit der von @FridayForFuture in Auftrag gegebenen Studie des Wuppertal Instituts zur Machbarkeit von 1,5 Grad (die immerhin einmal erwähnt wird):

Oder mit den Empfehlungen des @BuergerratKlima: https://buergerrat-klima.de/die-ergebnisse

Alle drei wurden unter Beratung (oder direkt) von Wissenschaftler:innen entwickelt – anders als offenbar die meisten Wahlprogramme.

Aber all das muss man gar nicht unbedingt wissen. Es würde reichen das Versprechen, das 1,5-Grad-Limit einzuhalten, auf Plausibilität zu überprüfen. Dafür kann man es z.B. vergleichen, etwa mit der Ankündigung der Kandidat:innen in 4 Monaten einen Marathon laufen zu wollen.

Wenn 3 der 5 Antretenden für die kommenden 2 Monate keinen Trainingsplan haben und bisher keinen ernsthaften Willen gezeigt haben, vom Sofa aufzustehen und sich die Laufschuhe anzuziehen, sondern auf Rückenwind, eine Strecke, die v.a. bergab führt, das Ausscheiden anderer Teilnehmer:innen und die Erfindung neuer innovativer Turnschuhe und aerodynamischer Laufsachen hoffen – dann würde ich sicherheitshalber auf die anderen beiden setzen.

Um die Klimaziele einzuhalten, ist es entscheidend, die Emissionen ab sofort bis 2030 drastisch zu reduzieren. Wenn eine Partei heute keinen Plan hat, wie sie das in den kommenden 4 Jahren hinkriegen will, sind die Chancen gering, dass sie es magisch irgendwie schaffen wird.

Als Leserin will ich wissen, welche Partei ich wählen kann, wenn ich will, dass ich und meine Kinder eine möglichst sichere und stabile Zukunft haben. Diese Einordnung erwarte ich von Journalist:innen. Und es ist absolut möglich, diese Einordnung fundiert vorzunehmen.

Im vorliegenden Text klingt es stattdessen mal wieder so, als hätte alle Parteien einfach unterschiedliche Wege zum Ziel. Wähler:innen könnten demnach nach eigener Präferenz entscheiden, ob sie selbst eher in Markt oder Staat vertrauen – und entsprechend wählen.

Dabei könnten sie eindeutig wissen, dass CDU, SPD und FDP keinerlei Anstalten machen, das 1,5-Grad-Limit ernsthaft einzuhalten, Grüne und Linke sich hingegen bemühen, aber noch nachbessern müssten. Das allerdings innerhalb einer Marge, die nicht komplett realitätsfern wirkt.

Bei #btw2021 entscheiden wir, ob wir überhaupt versuchen unseren Teil zu leisten, um das 1,5-Grad-Limit einzuhalten, oder nicht. Egal, ob wir bewusst dafür oder dagegen stimmen, oder unbewusst. Aufgrund politischen & journalistischen Versagens werden es viele wohl unbewusst tun.

Die Aufgabe von Journalist:innen ist es, darüber aufzuklären, warum das so entscheidend ist, was das mit dem Leben der Wähler:innen zu tun hat & welche Parteien welche Aussicht haben, es zu erreichen. Ich habe keine Ahnung, warum das viele Journalist:innen offenbar anders sehen.

Quellen/Original/Links:
https://twitter.com/SaraSchurmann/status/1431935972854337536

Journalistin - versucht die Klimakrise und Lösungen zu erklären
Sara Schurmann

Sara Schurmann

Sara Schurmann absolvierte die Henri-Nannen-Schule und arbeitet seit zehn Jahren als Journalistin, unter anderem für den „Tagesspiegel“, „Gruner+Jahr“, „Vice“ und „Zeit Online“. Zuletzt war sie Redaktionsleiterin des Klima- und Nachhaltigkeitsformates OZON von funk. 2018 wählte sie das „Medium Magazin“ unter die Top 30 bis 30. Sie beschäftigt sich schon länger intensiv mit der Klimakrise. Mit… Weiterlesen »Sara Schurmann