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Klimazusammenbruch abwenden: Die Regierungen müssen folgendes tun

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Um einen angemessenen Lebensstandard für alle zu sichern und gleichzeitig den globalen Energieverbrauch zu senken, um den #Klimazusammenbruch abzuwenden, müssen die Regierungen:


↗ Dienstleistungen
↗ Einkommensgleichheit
↘ Rohstoffgewinnende Industrien
❌ Wirtschaftswachstum in wohlhabenden Ländern

1/ Um katastrophale Klimaveränderungen jenseits von 1,5 C globaler Erwärmung abzuwenden, ist sowohl eine rasche Dekarbonisierung der Energiesysteme als auch eine rasche Reduzierung des weltweiten Energieverbrauchs erforderlich. Dies wird inzwischen auf höchster Ebene anerkannt, auch im jüngsten Bericht der Internationalen Energieagentur.

2/ Laut IPCC (2018) muss der globale Endenergieverbrauch bis 2050 auf 27 Gigajoule pro Person (GJ/cap) sinken, um das Ziel des Pariser Abkommens zu erreichen, die globale Erwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen, ohne auf spekulative Technologien mit negativen Emissionen zu setzen.

3/ Das bedeutet, dass der derzeitige weltweite durchschnittliche Energieverbrauch (55 GJ/Kopf) um die Hälfte gesenkt werden muss, während wohlhabende Länder wie das Vereinigte Königreich (81 GJ/Kopf) ihren durchschnittlichen Energieverbrauch um bis zu 65 % und die energiehungrigsten Länder wie die USA (204 GJ/Kopf) um fast 90 % senken müssen.

4/ Eine große Sorge besteht darin, dass solche großen Energieeinsparungen das menschliche Wohlergehen untergraben könnten, sowohl in den wohlhabenden Ländern (wo die größten Energieeinsparungen erforderlich sind) als auch in den “armen” Ländern (in denen Milliarden von Menschen derzeit mit einem prekären Lebensstandard leben, der ihnen die Grundbedürfnisse vorenthält).

5/ Warum sich kümmern? Weil ein angemessener Lebensstandard – oder die Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse (hier: Nahrung, Wasser, Gesundheit, sanitäre Einrichtungen, Bildung, Lebensunterhalt) – eine Voraussetzung für das menschliche Wohlbefinden ist. Wenn die Grundbedürfnisse nicht befriedigt werden, erleiden die Menschen schwere körperliche, geistige oder soziale Schäden.

6/ Der Sinn der Abwendung des Klimazusammenbruchs besteht darin, noch nie dagewesenes menschliches (und nicht-menschliches) Leid/Schaden abzuwenden, jetzt und in Zukunft. Das ist zwingend notwendig. Aber es ist auch zwingend notwendig, das enorme menschliche Leid/Schaden zu beenden, das aus einem prekären Lebensstandard resultiert. Wir müssen beides tun.

7/ Das Problem ist, dass derzeit alle Länder, die dem größten Teil der Bevölkerung einen angemessenen Lebensstandard bieten [blaue Balken], viel mehr Energie pro Person verbrauchen als das, was “nachhaltig” ist, d. h. mit der Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 °C ohne spekulative Technologien vereinbar ist [rote Linie].

8/ Andererseits sind in allen Ländern, in denen der Energieverbrauch innerhalb eines solchen “nachhaltigen” Niveaus liegt (kompatibel mit 1,5 C), erhebliche Teile der Bevölkerung eines angemessenen Lebensstandards beraubt [gelbe Balken].

9/ Im derzeitigen Wirtschaftssystem scheinen sich ein angemessener Lebensstandard (Befriedigung der Grundbedürfnisse, menschliches Wohlbefinden) und eine nachhaltige Energienutzung (ausreichender Klimaschutz) gegenseitig auszuschließen.

10/ Die große Frage lautet also: Können Gesellschaften die Grundbedürfnisse aller Menschen mit geringem Energieaufwand befriedigen?
Spoiler: Theoretisch, ja.
Aber wie? Unter welchen Bedingungen? Was sind die “sozioökonomischen Bedingungen für die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse bei niedrigem Energieverbrauch” (wie der Titel des Papiers lautet)?

11/ Die grundlegende Beziehung zwischen Bedürfnisbefriedigung und Energieverbrauch ist einfach: Die Bedürfnisbefriedigung steigt steil mit dem Energieverbrauch an, aber nur bis zu einem gewissen Punkt: Sobald die Bedürfnisbefriedigung “ausreichend” ist, ist sie gesättigt, und zusätzlicher Energieverbrauch verbessert die Bedürfnisbefriedigung nicht wesentlich.

12/ Wir finden dieses Sättigungsmuster für alle 6 von uns untersuchten Dimensionen der Bedürfnisbefriedigung (Gesundheit, Ernährung, Wasser, Sanitärversorgung, Bildung, Mindesteinkommen). Eine ausreichende Befriedigung aller 6 Bedürfnisse wird erst bei einem Energieverbrauch von mehr als 55-60 GJ/Kopf erreicht – mehr als das Doppelte dessen, was “nachhaltig” ist.

13/ So weit, so schlecht. Aber jetzt kommt die gute Nachricht: Das Verhältnis zwischen Bedürfnisbefriedigung und Energieverbrauch ist nicht starr, sondern ändert sich je nach der Konfiguration der sozioökonomischen Zwischenfaktoren, die für die Bereitstellung von Waren und Dienstleistungen relevant sind (“Bereitstellungsfaktoren”).

14/ “Nützliche Versorgungsfaktoren” sind mit einem höheren Maß an Bedürfnisbefriedigung und einem geringeren Energiebedarf für die Bedürfnisbefriedigung verbunden.
Nachteilige Versorgungsfaktoren” werden mit einer geringeren Bedürfnisbefriedigung und einem höheren Energiebedarf für die Bedürfnisbefriedigung in Verbindung gebracht.

15/ Länder mit hohen Werten eines vorteilhaften Versorgungsfaktors erreichen tendenziell eine ausreichende Bedürfnisbefriedigung bei geringerem Energieverbrauch. Länder mit hohen Werten eines nachteiligen Versorgungsfaktors erreichen tendenziell eine ausreichende Bedürfnisbefriedigung (wenn überhaupt) nur bei hohem Energieeinsatz.

16/ Die Qualität der öffentlichen Dienstleistungen ist ein vorteilhafter Faktor für die Versorgung. Eine hohe Qualität der öffentlichen Dienstleistungen [gelbe Linie] ist mit einer höheren Lebenserwartung bei einem bestimmten Energieverbrauchsniveau und einer geringeren Energieabhängigkeit der Lebenserwartung verbunden, d. h. mit einer hohen Lebenserwartung bei niedrigem(er) Energieverbrauch.

17/ Extraktivismus ist ein nachteiliger Faktor für die Versorgung. Ein hohes Maß an Extraktivismus [gelbe Linie] geht mit einer geringeren Lebenserwartung bei einem bestimmten Energieverbrauchsniveau und einer größeren Energieabhängigkeit der Lebenserwartung einher, d. h. eine hohe Lebenserwartung ist nur bei einem hohen Energieverbrauch gegeben.

18/ Die Auswirkungen der Versorgungsfaktoren unterscheiden sich in Größe und Bedeutung bei den verschiedenen Variablen zur Bedürfnisbefriedigung, aber, was wichtig ist, sie sind in ihrer Richtung konsistent: Sie sind durchweg entweder vorteilhaft [Pfeile nach oben] oder nachteilig [Pfeile nach unten].

19/ Wir finden starke, durchweg positive Effekte [grün] für die Qualität der öffentlichen Dienstleistungen, Einkommensgleichheit, Demokratie, Zugang zu Elektrizität, Zugang zu sauberen Brennstoffen, Handels- und Verkehrsinfrastruktur und die öffentliche Gesundheitsversorgung. Eine Verbesserung dieser Faktoren würde sich wahrscheinlich positiv auswirken.

20/ Auf der anderen Seite finden wir starke, durchgängig negative Auswirkungen für den Extraktivismus und für das Wirtschaftswachstum jenseits eines moderaten Energienutzungsgrades (~Wohlstand). Es wäre wahrscheinlich vorteilhaft, den Extraktivismus einzuschränken und das Wirtschaftswachstum in wohlhabenden Ländern zu stoppen.

21/ Beim Testen von Kombinationen wichtiger Versorgungsfaktoren, die zusammen wirken, stellen wir fest, dass ihre individuellen Auswirkungen qualitativ gleich bleiben und sich gegenseitig ergänzen, was darauf hindeutet, dass es wünschenswert ist, bei allen wichtigen Versorgungsfaktoren vorteilhafte Konfigurationen (↗, ↘) zu verfolgen.

22/ Schließlich modellieren wir die Ergebnisse der Bedürfnisbefriedigung für die Kombination aus hoher Qualität der öffentlichen Dienstleistungen, hoher Einkommensgleichheit und geringem Extraktivismus (“gemeinsam vorteilhafte Versorgungskonfiguration”) und vergleichen sie mit den Ergebnissen, die für mittlere oder aktuelle Werte dieser Faktoren modelliert wurden.

23/ Über alle Variablen der Bedürfnisbefriedigung hinweg ist die “gemeinsam vorteilhafte Versorgungskonfiguration” [grüne Kurve] mit wesentlich besseren Ergebnissen bei der Bedürfnisbefriedigung verbunden und erleichtert das Erreichen einer ausreichenden Bedürfnisbefriedigung innerhalb eines nachhaltigen Energieniveaus.

24/ Wir kommen zu dem Schluss, dass die Regierungen überall die öffentlichen Dienstleistungen verbessern und ausbauen, die Einkommensgleichheit erhöhen, die Demokratie stärken, grundlegende Infrastrukturen bereitstellen und die mineralgewinnenden Industrien zurückfahren sollten – und das Wirtschaftswachstum in wohlhabenden oder mäßig wohlhabenden Ländern stoppen.

25/ Diese Veränderungen könnten wohlhabende Länder in die Lage versetzen, ihren Energieverbrauch und ihre Emissionen zu senken, ohne das Wohlergehen der Menschen zu beeinträchtigen, und weniger wohlhabende Länder in die Lage versetzen, einen angemessenen Lebensstandard zu erreichen, ohne dass ein enormer Anstieg des Energieverbrauchs den Klimazusammenbruch weiter verschärfen würde.

26/ Um dies zu erreichen, ist jedoch letztlich eine grundlegende Umgestaltung des Wirtschaftssystems erforderlich, bei der Suffizienz, gerechter Wohlstand und Nachhaltigkeit im Vordergrund stehen. Dies legt nahe, sich im Globalen Norden für Degrowth und im Globalen Süden für Alternativen zur westlichen Entwicklung einzusetzen.

27/ Zu guter Letzt ein großes Lob an meine brillanten Co-Autoren @JKSteinberger, @DrDanONeill, @lamb_wf & Jaya Krishnakumar, die diese Arbeit zu dem gemacht haben, was sie ist.
+Ein großes Dankeschön an Freunde und Kollegen, die hilfreiches Feedback gegeben haben @liliproj, @milankloewer, @OkumahM

28/ Danke, dass Sie diesen ganzen Thread gelesen haben! Als Belohnung erhaltet ihr einen kostenlosen Download des Papers (nur ein Scherz, es ist #openaccess – aber bitte schaut es euch an): https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0959378021000662
Und als Belohnung dafür, dass ich diesen langen Thread geschrieben habe, darf ich euch bitten, diesen Thread zu liken und weiterzuverbreiten?

Quellen/Original/Links:
https://twitter.com/JefimVogel/status/1410189745309749249

Übersetzung:
https://www.deepl.com/de/translator

ökologischer Ökonom
Jefim Vogel

Jefim Vogel

Ich bin Doktorand in ökologischer Ökonomie am Sustainability Research Institute (SRI) (University of Leeds: School of Earth and Environment) und Teil des Projekts Living Well Within Limits (LiLi). Außerdem bin ich Mitglied der Arbeitsgruppen Wirtschaft und Politik für Nachhaltigkeit sowie Energie und Klimaschutz am SRI. In meiner Forschung verwende ich eine systemische Perspektive auf die… Weiterlesen »Jefim Vogel