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Wasserstoff (H2) als Energieträger hat immer noch einen viel zu guten Ruf

24 August, 2021
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Wenn H2 als umweltfreundlich oder als “wichtige Brückentechnologie” angepriesen wird, sollte man skeptisch sein. In Wahrheit ist H2 meist ziemlich übel fürs Klima.

Der überwiegende Großteil des Wasserstoffs wird heute aus Erdgas erzeugt (“grauer Wasserstoff”). Dabei entsteht CO2 – und zwar genau so viel, als würde man das Erdgas einfach verbrennen. Das ist das Gegenteil von Klimaschutz.

Es gibt verschiedene Versuche, das anfallende CO2 zumindest teilweise aufzufangen und zu speichern (“blauer/türkiser Wasserstoff”). Das funktioniert unterschiedlich gut, aber nie perfekt, ist also sicher nicht klimaneutral.

Wichtiges Problem: Ein Teil des Erdgases (hauptsächlich Methan) geht verloren (etwa in undichten Pipelines), und Methan ist ein noch viel potenteres Treibhausgas als CO2. Methan in die Atmosphäre zu pusten ist also noch viel schlimmer als Methan einfach zu verbrennen.

Einzige Möglichkeit, klimafreundlich H2 herzustellen: Mit Ökostrom Wasser aufspalten (Elektrolyse). Tolle Sache! Aber nur sinnvoll, wenn man überschüssigen Ökostrom hat. Den haben wir nicht. Bis wir 100% Erneuerbaren-Anteil erreicht haben, dauert es noch.

Es ist völlig unsinnig, mit Ökostrom Elektrolyse zu betreiben, wenn wir den Gesamtbedarf an elektrischer Energie noch nicht mit Erneuerbaren decken können und deshalb zusätzliche Gaskraftwerke hochfahren müssen.

Viel wird über H2 als Speicher geredet – ja, das ist interessant. Aber mit Strom grünen H2 zu erzeugen, um dann mit H2 wieder Strom zu erzeugen, geht natürlich nicht ohne Verluste. Viel klüger ist es, den Strom ohne Umweg direkt zu nutzen – etwa für das Laden einer Autobatterie.

Also: H2 aus Erdgas (wie derzeit üblich) ist eine Mogelpackung. Wer das als umweltfreundlich anpreist, der lügt oder hat etwas Wichtiges falsch verstanden. Und grüner Wasserstoff wird interessant, wenn wir Ökostrom-Überschüsse generieren. Derzeit bringt er wenig.

Quellen/Original/Links:
https://twitter.com/florianaigner/status/1429822743017672705

Physiker, Autor, Wissenschaftserklärer
Florian Eigner

Florian Aigner

Ich lebe in Wien, meine wissenschaftliche Heimat ist die Quantentheorie. Nach meiner Promotion am Institut für theoretische Physik der TU Wien wechselte ich von der Forschung in den Wissenschaftsjournalismus. Heute arbeite ich als Wissenschaftsredakteur der TU Wien und als freier Journalist, schreibe für zahlreiche Medien – vom Fachjournal bis zu Kindertexten, vom Wissenschaftsmagazin bis zur… Weiterlesen »Florian Aigner